Sauerlandibus
Sauerlandibus = für alle Sauerländer                                       

Wanderhändler aus dem oberen Sauerland  

In vielen Dörfern rund um den Kahlen Asten gab es bis weit in das 20. Jahrhundert hinein den einträglichen Beruf des Handelsmannes. In Neuastenberg und Langewiese waren die Holzhändler zu Hause, sie handelten mit selbst geschnitzten und gedrechselten Löffeln, Schalen und Töpfen. In Schmallenberg gab es die Wollhändler, die mit selbst gestrickten Socken, Hemden und Pullovern ihr Geld verdienten. In Siedlinghausen und Silbach waren es die Sensenhändler, die im Herbst nach der Ernte auf die Reise gingen und in ganz Deutschland und sogar im benachbarten Ausland Sensen verkauften.

 

Seit dem Mittelalter hatte in unserm Raum eine nicht unbedeutende Eisenindustrie den Eigenbedarf an Hufeisen, Nägeln, Heugabeln und Sensen decken können. Hier gab es Eisenerz im Boden, das mit Hilfe der Energieträger Holzkohle und Wasserkraft in Schmelzhütten zu Roheisen verarbeitet wurde. Und das wiederum wurde in Schmieden zu Werkzeugen verarbeitet. Oft produzierten die Schmiede weit über den Eigenbedarf hinaus, so dass die Leute auf die pfiffige Idee kamen, die Eisenwaren da zu verkaufen, wo es keine Eisenindustrie gab.

Jede Menge Sensen beispielsweise brauchten die Bauern und Landarbeiter auf den großen Gutshöfen in Pommern, Ostpreußen und Schlesien, aber auch in Norddeutschland, Holland und Belgien wie im Schwarzwald, in Bayern und in der Schweiz. Überall hin marschierten unsere Sensenhändler zuerst zu Fuß, ab 1870 fuhren sie mit der Eisenbahn, später als die Straßen besser wurden, benutzten sie auch das eigene Pferdefuhrwerk und zuletzt transportierten sie ihre Waren sogar noch mit dem Auto.

 Waren sie am Zielort angekommen, packten sie den gesamten Vorrat in ein Lager, das meistens bei einem Wirtshaus lag. Dort wohnten sie für die Zeit. Jeden Morgen steckten sie nun zehn bis zwanzig Sensen in ihre ledernen Sensentaschen und dann ging es zu Fuß auf die Bauernhöfe. Dort wurden sie schon erwartet, denn die erfahrenen Sensenhändler aus dem Sauerland wussten lustige Geschichten und amüsante Neuigkeiten zu erzählen. Dabei vergaßen sie natürlich nicht, ihre Sensen anzupreisen. Auf den Schneidflächen prangten bunte Bilder mit den Namen „Mähfix“ oder „Schneideteufel“. Das alles verfehlte seine Wirkung nicht und bald war die Sensentasche leer gekauft. Für die Hausfrau hatten sie auch noch Bestecke und Wäsche im Gepäck, so dass ein gutes Geschäft zustande kam.

 Die Händler blieben einige Wochen in ihrem Bezirk. Die größeren von ihnen hatten sogar einige Knechte dabei, die auch für sie verkauften. Vor Weihnachten waren alle wieder zu Hause im Sauerland. Das Geld klingelte in ihren Taschen und mancher Handelsmann konnte sich schon in jungen Jahren ein großes Haus bauen.

 In den Handelsdörfern ging oft jeder zweite männlich Einwohner auf den Handel. Die Handelsleute achteten sehr auf gute Qualität ihrer Ware und auf korrektes Kaufmannsverhalten. Denn ihr guter Ruf bei den Kunden konnte durch eine schlechte Lieferung oder gar durch betrügerisches Verhalten sehr schnell dahin sein. Ihre Berufsbezeichnung war auch nicht Hausierer, sondern Handelsmann oder Kaufmann.

  Nach 1950 ging die Geschichte des Sensenhandels zu Ende. Zum einen konnte man die Waren jetzt überall kaufen und zum andern machten neue Maschinen die Sensen überflüssig. Viele Handelsleute hatten sich aber frühzeitig auf Landmaschinenhandel oder auf den Handel mit Hotel- und Großküchenbedarf umgestellt, so dass sie auch heute noch als Großhandelskaufleute tätig sind.

 Winfried Becker, "Bauernlob und Schneideteufel", ein Bericht aus dem Jahrbuch des HSK, 1995; Ein Hörbeitrag über die wichtigsten Fakten zum Sensenhandel im oberen Sauerland, 10:40 Min;



Die Geschichte der Sauerländer Sensenhändler


 Im Videobeitrag über den Kaufmann  Anton Wahle wird erzählt, wie erfolgreich die Laufbahn eines Sensenhändlers zunächst begann, wie sie dann aber durch äußere Ereignisse (1. Weltkrieg und die Folgen) in Not und Elend geriet.

Der Kaufmann Anton Wahle wird zum Sozialfall - Video