Sauerlandibus
Sauerlandibus = für alle Sauerländer                                       


Das elende Leben der "kleinen Leute" vor 1900 im Sauerland

1. Fritz Stöber, Steinklopfers Franz ist tot;

Steinklopfer Franz ist tot; aus: Dämmerstrahlen, von Fritz Stöber; das Buch liegt als  Originalausgabe in den Siedlinghauser Heimatstuben.


 

2. Vagabundierende Kinder im Jahr 1819

Ein Bericht von Karl Thomas Im Jahrbuch des HSK 2002 erzählt von vagabundierenden Kindern im Jahr 1819, die von ihren Eltern aus lauter Not fortgeschickt wurden. War das die Realität des Märchens von Hänsel und Gretel?


3. Erinnerungen eines Landlehrers in Canstein, Kreis Brilon, aus dem Jahr 1819; 


4. Christina Gabriel, ein Frauenschicksal im Sauerland um 1800

Christina Gabriel, Kammerjungfer, Näherin, alleinerziehende Mutter, erzählt aus ihrem bewegten Leben im Sauerland um 1800

Konnten Dienstmädchen im Sauerland um 1800 schreiben? Gab es in der Unterschicht damals überhaupt ein Aussagebedürfnis bei Frauen, das mehr als 100 Tagebuchseiten füllte? Spontan sind wir geneigt, derartige Fragen zu verneinen. Ein ganz ungewöhnlicher Fund muss unsere Vorstellungen ändern. Da liegt er vor uns, der Originaltext einer autobiografischen Lebensbeschreibung der Christina Gabriel, die gleich in den ersten Sätzen erklärt, dass sie „nur meine Lebensgeschichte in der Einfalt und der Wahrheit hinschreiben“ will. Ihr Tagebuch, vom Weg durch die Hände mehrerer Vorbesitzer deutlich gezeichnet, kam 1984 in den Besitz des Arnsberger Stadtarchivs. Inzwischen in unsere heutige Sprache übertragen ist es eine einzigartige Quelle, die weit über das Sauerland hinaus Aufmerksamkeit beanspruchen kann.

 Christina Gabriel war die Tochter eines Metzgers im Dorf Siedlinghausen im Hochsauerland. Die Ehe der Eltern hatte der „der Himmel mit 14 Kindern gesegnet, wovon 11 großjährig wurden“. Christina selbst wurde 1766 geboren und am 30. 10. 1766 in Brunskappel getauft. Irgendwann zwischen 1774 und 1779 zog die Familie nach Arnsberg. Die sieben Töchter suchten den Dienst bei „Herrschaften“. 1788 wurde Christina Kammerjungfrau bei Ferdinandine von Weichs, zwei Monate vor deren Hochzeit mit Friedrich Leopold von Fürstenberg in Herdringen. Ihr Leben dort und Ihren Charakter schildert die Tagebuchschreiberin in der ihr eigenen Schreibweise. „In Herdringen wurde ich sehr freundlich aufgenommen und von allen geliebt. Mein froher Sinn und munteres Wesen wurden noch durch nichts gestört. Der alte Herr von Fürstenberg hielt ein Haus voller Dienerschaft, unter diesen so 14 bis 15 junge Herren. Fast alle wetteiferten, sich bei mir beliebt zu machen. Ich sah mich geschmeichelt und geehrt und Nachtmusik wurde mir oft gebracht. Wie angenehm und bezaubernd ist dieses! Dann ging es wieder auf einen Ball. Kurz, ich genoss alle Vergnügen, die wohl nie ein Mädchen von meinesgleichen genießt. Dabei hielt ich sehr streng auf Tugend und Rechtschaffenheit und so wagt es niemand, mir durch das Gegenteil zu nahe zu treten. Endlich verreiste der alte Herr und brachte einen neuen Diener namens Müller mit. Dieser, ach dieser Mann war es, der so viel Einfluss auf mein übriges Leben haben sollte. Mit diesem Mann, der von Herzen so gut war, sollte ich so viele Schicksale teilen. Dieser Mann sollte mich unglücklich machen, o Verhängnis!“

Der Stallmeister Müller gewann schließlich ihr Herz. Sie wurden 1790 in Oberhundem getraut und zogen in ein Haus in Attendorn, das ihnen einer der Fürstenberg-Söhne geschenkt hatte. Dort gründete das junge Paar eine Weinschänke und einen kleinen Gewürzhandel. Christina bringt nach einer schweren Geburt ihre erste Tochter zur Welt. Bald musste sie die Schwächen ihres Mannes erkennen, die seither ihr Leben belasteten. „Er ergab sich dem Trunke und nun war alles verloren. Seit diesem Tage kannte mein Unglück keine Grenzen.“  Das Wort „Unglück“ wird nun das Leitmotiv ihrer Darstellung. Verlust des Hauses und immer neues finanzielles Fiasko, wenn Christina gerade meint, dass es wieder aufwärts gehe. Immer wieder verspielt und vertrinkt Ihr Mann das Geld und erfindet eine Täuschung nach der anderen. Seine Frau durchschaut offenbar seine Ausreden nicht und vertraut dem Unzuverlässigen und Verantwortungslosen, der „nie frech oder böse zu mir war“. Zwei weitere Kinder werden geboren. Das Paar zieht im Sauerland bis zum Wittgensteiner Land hin und her, ohne dass sich Besserung zeigt. Mehr als einmal schildert Christina ihre Selbstmordabsichten. Man darf ihre ständigen Klagen über ihr „Verhängnis“ nicht als Larmoyanz abtun. Hier sucht sich die Erinnerung an eine tiefe seelische und materielle Not, die gesteigert ist durch das Bewusstsein ihrer Vorzugstellung im Schloss Herdringen, bewegenden Ausdruck. Verlassenheit, Rat- und Hilflosigkeit, Bitternis über die Herzenskälte von Mutter und Schwestern, als sie schließlich nach Arnsberg zurückkehrt. Ihr Mann verschwindet zu den Soldaten. Sie bringt ihre Kinder durch Ihre Geschicklichkeit im Nähen durch. Das Tagebuch meldet noch den Tod der ältesten Tochter an den Folgen des Scharlachs im Jahr 1803 und bricht dann abrupt mitten im Satz ab. Gründe für diesen plötzlichen Schluss sind nicht erkennbar.

 Immerhin lässt sich das Schicksal Christina Gabriels aus Arnsberger Akten entnehmen. Sie wird 1803 als Hebamme ausgebildet, amtlich geprüft und wirkt Jahrzehnte anerkannt in der Regierungsstadt. 1813 heiratet sie zum zweiten Mal – ihr erster Mann war 1804 gestorben – einen Arnsberger Schneider. Erst 1821 hat sie mit der Niederschrift ihres Tagebuchs begonnen, und es ist erstaunlich, wie präzise sie ihre Elendswanderungen nachzeichnet. Sie gibt bewegende Beispiele von frommer Dankbarkeit, wenn sie Gottes und der Menschen Hilfe in völlig aussichtslosen Situationen schildert, wie in der folgenden Passage:

„ … Ich ging in der Angst meines Herzens zu einer Frau, die mir zuweilen Milch überließ. Auch sie hatte diesmal keine, ich musste mit leeren Händen zu meinen drei hungrigen Kindern gehen. In einer Gasse sah ich auf zum Vater im Himmel und sagte, Gott sei du der Vater meiner Kinder und gib ihnen Brot. Ihr Vater hat sie verlassen. Wie ich zur Tür herein kam, sahen sie alle drei zu mir heran und frugen, ob ich nichts zu essen hätte, sie wären doch so hungrig. Ich sagte in der Angst meines Herzens, dass sie bald was kriegen würden. Das Gefühl hierbei lässt sich nicht beschreiben. Es kann nur eine Mutter fühlen. Allein mein Vertrauen auf Gott hielt mich aufrecht. Es ist jetzt über dreißig Jahre, da ich dieses schreibe. Ich sitze hier und weine laut dankbare Tränen. Weil ich so deutlich sehe, wie der barmherzige Vater mir sogleich Hilfe sandte.  Denn hier wohnte damals eine reiche vornehme Frau, die gewiss nicht im Rufe der Wohltätigkeit stand. Diese Frau ließ mich durch Ihre Magd rufen. Ich ging gleich zu ihr. Sie sagte, sie hätte gehört, dass ich schön nähen könnte. Ob ich ihr die sechs Hemden nähen könnte, die sie mir zeigte. O ja, sagte ich und wollte sie hinnehmen. Nun frug sie, ob ich vielleicht einige Kasmänneken (ein 2 ½ Silbergroschenstück) im Voraus haben wollte. Ich hätte ja drei Kinder, die gerne essen. Mir wurde ganz leicht ums Herz und sagte, wenn sie die Güte haben wollte. Sie gab mir 24 Stüber und schickte mir Erbsen. Ich konnte gewiss sechsmal davon kochen. Sie wickelte mir einen halben Kalbsbraten in Papier, einen beinahe halben Pumpernickel, ein großes Stück Fett, einen Pott Vollmilch. Nun sage mir einer, war das nicht der Finger Gottes, der diese Frau regierte! Ich ging nun froh zu meinen armen Kindern, denn ich konnte ihren Hunger und ihren Durst stillen. Nun nähte ich desto fleißiger, weil ich schon Geld in Vorrat hatte. Tag und Nacht nähte ich.“ 

 Bei der Rückbesinnung auf die damalige große materielle Not ist begreiflich, dass die Perspektive der Schreibenden über die unmittelbaren persönlichen Probleme nicht hinausgeht. Die großen Umwälzungen im Herzogtum Westfalen 1802/03 mit dem Beginn der hessen/darmstädtischen Herrschaft werden mit keinem Wort erwähnt. Diese historischen Hintergründe werden im Buch ausführlich erörtert.

 Der hier verkürzt vorgelegte Bericht stammt von Frau Dr. Erika Richter und ist abgedruckt im Heft „Sauerland, 1/2000“. Der Bericht wiederum verweist auf das oben zitierte Buch „Christina Gabriel: Meine Lebensgeschichte. Die autobiografische Lebensbeschreibung einer Dienstmagd, Näherin und Hebamme im Herzogtum Westfalen um das Jahr 1800. Herausgeber im Auftrag der Stadt Arnsberg und des Arnsberger Heimatbundes e. v. von Michael Gosmann, Verlag F. W. Becker GmbH.

 Die Frau im 19. Jahrhundert