Sauerlandibus
Sauerlandibus = für alle Sauerländer                                       

 

Wer war Friedrich Wilhelm Grimme?

 

Sein Leben ist schnell erzählt.  Geboren wurde er am 25. Dezember 1827 im heute zu Olsberg gehörigen hochsauerländischen Assinghausen, im sogenannten Strunzertal, als Sohn des Dorfschullehrers Josef Grimme, der auch die Dienste eines Küsters und Organisten versah. Benannt wurde er nach dem preußischen König, der bei jedem siebten Sohn die Patenschaft übernahm. Die Mutter, Maria Theresia Laymann aus Grafschaft, starb schon 1839. An Geschwistern fehlte es nicht, es waren neun, nach der zweiten Ehe des Vaters mit Anna Balkenhol aus Elleringhausen sogar elf. Nach privater Vorbereitung bei Vater und Pfarrer besuchte der Knabe 1840-44 das Progymnasium Petrinum in Brilon. Eine Tafel an der Schule und eine Plakette am Alten Gasthaus Schlüter, wo er wohnte, erinnern an diese Jahre. Wegen seiner Schwächlichkeit setzte er ein Jahr aus, um dann in die Unterprima des Arnsberger Laurentianums einzurücken. Das Abitur bestand Grimme mit Auszeichnung. Eine Tafel an der Anstalt, eine Straße sowie ein Teil des Nachlasses im Sauerland-Museum halten die Erinnerung wach. Die Studienjahre auf der Akademie zu Münster ließen ihn lange in der Berufswahl schwanken. Das von dem zweitältesten Bruder gewünschte Theologiestudium gab er nach vier Semestern auf, um sich, wenn auch unter bedrängenden Verhältnissen, ganz der deutschen und klassischen Philologie zu widmen. Wieder sehen wir Grimme wegen seiner angegriffenen Gesundheit 1850/51 zu Hause, doch bestand er schon 1852 das Staatsexamen mit dem Prädikat "gut". Der junge Lehrer weilte 1852/53 als Probekandidat in Arnsberg. In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau kennen, die vierzehnjährige Emilie Düser, Tochter eines Druckereibesitzers. Als Hilfslehrer war er 1853-55 in Brilon und im Schuljahr 1855/56 am Münsteraner Gymnasium Paulinum tätig. Dann wurde Grimme nach Paderborn versetzt. An dem dortigen Theodorianum wurde er als ordentlicher Lehrer angestellt und lehrte dort 16 Jahre. In Paderborn, wo man eine Straße nach ihm benannte, begann auch die Reihe seiner Werke. 1872, im Todesjahr seines Vaters, wurde er als Direktor an das Katholische Gymnasium von Heiligenstadt im Eichsfeld berufen, das damals zur preußischen Provinz Sachsen und zum Bistum Paderborn gehörte. Grimme ließ sich 1885 vorzeitig pensionieren und zog wegen der Ausbildungsmöglichkeiten für seine 11 Kinder nach Münster, wo er schon am 3. April 1887 starb.

 Memoiren eines Dorfjungen

 

Im gleichen Jahr wie die "Balladen und Romanzen" erschienen auch die "Memoiren eines Dorfjungen ". Viele Leser und Biographen haben diese fingierten Kindheitserinnerungen für wortgetreue Selbsterlebnisse gehalten. Aber Grimme schreibt noch während der Arbeit, am 30. 2. 1858, an Pape: "Ich schreibe je zuweilen an einer Art von Roman, dessen Inhalt du ungefähr aus dem vorläufig gewählten Titel ,Memoiren eines Dorfjungen erraten kannst; der Dorfjunge ist im Grunde kein anderer als meine eigene liebwerte Persönlichkeit in ihren Blagenjahren, das Ganze ein Gemisch von leichtem Humor und Poesie. " Es handelt sich in diesem Buch um eine breit angelegte Rahmengeschichte, in der Grimme zweifach im Ichton auftritt, als Dorfjunge und als "Bücherschreiber" , der mit Freunden beim Wein sitzt und die erzählten Jugenderinnerungen seines Kumpans dem Druck übergibt. Diese Memoiren sind, so schrieb ein Zeitgenosse ihres Autors, "Prachtstücke echtesten Humors.“  Mit reizender Naivität und liebenswürdiger Selbstironie erzählt Grimme hier die kleinen Freuden eines kleinen Weltbürgers vom Lande, und zwischendurch knattert und prasselt das Feuerwerk blendenden Witzes.

Die Geschichte seiner Geburt am Weihnachtstag ist Grimme in diesem köstlich versponnenen, auch den Leser in seine Schalkhaftigkeit einbeziehenden Buch zum Weihnachtsmärchen geworden. Er berichtet, wie sein Vater "als die hellen Christtagsglocken das Hochamt einläuten, in die Küche ging, wo meine Mutter bei den Kochtöpfen stand, frisch wie ein junges Mädchen. Er sah mal in die Töpfe, was es für den Mittag gebe, und verabschiedete sich, um in die Kirche zu gehen und daselbst die Orgel zu spielen ... Und kaum war die Messe bis zum Credo gediehen, kommt da mein Bruder, ein Läuferchen von sechs Jahren, die Orgeltreppe herauf getrampelt, kriecht unter den Bälgen her, bis zum Sitze meines Vaters, und flüstert ihm freudig zu: ,Vatter! wir haben einen kleinen Jungen.' Da hat mein Vater einen Tuck aufs Herz gekriegt, es ist ihm auf seinem Orgelstuhle so heiß geworden, als wenn er auf Kohlen säße, hat mitunter die verkehrte Taste gegriffen, die Messe ist ihm länger geworden, als wenn die drei Christtagsmessen an der Reihe gehalten würden, hat vom letzten Liede einen Vers abgeknappt, dann aber zum Schluss als Nachspiel mit vollen Registern einen ,Lustigen' aufgespielt, dass die Leute beim Hinausgehen sich munter angeguckt und gesagt haben: ,Nun hör doch, wie er gut gelaunt ist!' .. . Dann ist er in die Stube gegangen, den kleinen Schreier in den Armen, und hat nach seinen Christtagsblüten gesehen. Noch vor dem Hochamt hatte er danach gesehen: Sie waren dick und voll zum Platzen, aber noch zu. Nun kommt er in die Stube, und sieh! jedes Reis ist voll weißer Blüten. Und der Sechsjährige: „Als ich von der Orgel wiederkam, waren sie alle aufgebrochen."

 Das Sauerland und seine Bewohner

 

1866 erschien bei Nasse in Soest das nur 70 Seiten umfassende Bändchen "Das Sauerland und seine Bewohner" Es ist nicht, das spürt man in jeder Zeile, wie bei der Droste aus der Postwagenperspektive gesehen, es ist vielmehr erwandert. Das Buch enthält eine Fülle geographisch, kulturhistorisch, stammeskundlich, geschichtlich, etymologisch und botanisch interessanter Fakten. Es beschränkt sich auf das ehemalige kurkölnische Gebiet, ehe dieses zur Provinz Westfalen unter preußischer Krone kam. Grimme liebt seine "bucklige Welt", in der es sich "so schön träumt, dem Himmel und dem Treiben der tiefen Welt fern" . Er charakterisiert seine Landsleute in selbstbekenntnishafter Weise so: "Ein besonders hervorstechender Zug im Wesen des Sauerländers ist seine Munterkeit und der daraus entquellende Witz und Humor. In dieser Hinsicht finden sich unter den dortigen Jägern, Förstern, Müllern und Wirten, aber auch unter den Bauern noch Originale, die man mit Gold aufwiegen möchte. Dieser Humor aber trägt nichts Beißendes und Verletzendes, nichts raffiniert Pikantes in sich, sondern - was dem Witz der Neuzeit so häufig fehlt -, es ist Gemüt und Gemütlichkeit darin. Harmloser Scherz und gutmütige Neckerei spielt fast in jede Gesellschaft, in jede Unterhaltung hinein, und der Geneckte lacht selbst am lautesten mit, sowie der ,Föpper' keine gemiedene, sondern eine gesuchte und beliebte Persönlichkeit ist." Die 2. Auflage schließt mit diesen heimatstolzen Worten: Das Sauerland "ist und bleibt Westfalens Krone und eine Perle des deutschen Reiches".

Quelle: Westfälische Zeitschrift 129, 1979 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte"

Die Bände „Memoiren eines Dorfjungen“ und „Das Sauerland und seine Bewohner“ sind in den Siedlinghauser Heimatstuben einsehbar. 

Dazu die hochdeutsche Übersetzung

PfiffigFriedrich Wilhelm Grimme

 Antönneken, ein kleiner Junge von acht Jahren hatte es weit zur Schule zu gehen und kam eines Morgens eine ganze Stunde zu spät. Der Lehrer schimpfte und sagte: „ Hey, verteidige dich mal: Warum kommst du so spät?“ Antönneken sagte: „Herr Lehrer, ich kann nichts dazu; es war so glatt, die ganze Wiese war ein Eis; wenn ich einen Schritt vorwärts tat, dann glitt ich zwei wieder zurück.“ – Da lachte der Lehrer und sagte: „ Wenn das so ist, wie ist es denn aber möglich, dass du nun hier bist?“ – Antönneken überlegte stumm und kurz und sagte: „Herr Lehrer, das will ich Euch sagen: Ich ging zuletzt rückwärts, als wenn ich wieder nach Hause wollte, da machte sich die Sache!“