Sauerlandibus
Sauerlandibus = für alle Sauerländer                                       

Der „Siedlinghauser Kreis“

 Zum 50. Mal jährte sich 2011 der Todestag von Dr. Franz Schranz, der von 1921 bis 1961 in Siedlinghausen praktizierte. Er war Initiator, Mäzen und treibende Kraft des „Siedlinghauser Kreises“. Aus diesem Anlass wurde am 17. September 2011 eine Gedenkstätte eingeweiht. Gleichzeitig erschien eine umfangreiche Publikation, die sich nicht nur auf Namen, Daten und Fakten beschränkt, sondern die auch der Frage nachzugehen versucht, was die „Illustren Gäste des Doktors aus dem Sauerland“ gemeinsam hatten und welche Interessen sie hier zusammen führten.   

1921 hatte ein junger Arzt aus dem Allgäu eine Landarztpraxis in Siedlinghausen eröffnet. Dr. Franz Schranz war ein bei seinen Patienten und Kollegen anerkannter Fachmann und überall sehr beliebt. Den Ausgleich für seine anstrengende Arbeit suchte er in abendlichen Gesprächen, bei Lesungen, bei Kunst und Musik. Dadurch stellte sich schon bald ein reger Kontakt zum Künstlerehepaar Senge-Platten ein. Man saß abends zusammen, redete über Kunst und Literatur und nicht selten gab Frau Alix Senge zusammen mit namhaften Musikern ein Konzert im Atelier. Fanden sich zuerst die Freunde aus dem Dorf und aus der Sauerländer Umgebung dazu ein, so wurde schon bald dieser Siedlinghauser Kreis zu einem Geheimtipp für Künstler und Intellektuelle aus ganz Deutschland. Man will es heute nicht glauben, wenn man die Namen hört, die immer wieder kamen und meistens für mehrere Tage oder auch einige Wochen blieben.  

 Es waren u.a. die Schriftsteller Ernst und Friedrich Georg Jünger, der Staatsrechtler Carl Schmitt, der Publizist Veit Rosskopf (er war auch Hauptabteilungsleiter für Literatur am Sender München), der Dichter Konrad Weiß (er war auch Kunstreferent an den Neuesten Münchner Nachrichten), der Historiker Albert Mirgeler, der Grafiker und Maler Carl Caspar, der Philosoph Josef Pieper, der die bemerkenswerte Aussage machte: „Wen ich in Berlin zu treffen erwartete, den traf ich in Siedlinghausen.“ Sie kamen nicht alle zur gleichen Zeit, doch oft in Gruppen. Wenn der Platz im Hause Schranz nicht ausreichte, wohnten sie auch bei Senge-Platten oder in Siedlinghauser Gasthäusern und Pensionen. Morgens hielten sich die Gäste in der riesigen Bibliothek des Arztes auf, nachmittags fuhren sie mit ihm zu den Kranken und sie freuten sich schon gemeinsam auf einen unterhaltsamen Abend mit Gesprächen über Kunst, Literatur und Philosophie oder auf ein Konzert mit Frau Alix Senge im Atelier des Künstlers. 

 „Geschichte braucht einen Ort des Erinnerns“, so sagte Klaus Mickus bei der Vorstellung seiner Publikation im Siedlinghauser Kolpinghaus vor etwa fünfzig geladenen Gästen am Samstag, d. 17. September 2011. Er nannte den Kreis von Intellektuellen und Künstlern, den der Landarzt Dr. Franz Schranz in den 1930er bis 1960er Jahren um sich scharte und der irgendwann den Namen „Siedlinghauser Kreis“ bekam, ein „Phänomen in der westfälischen Provinz“. Darüber zu sprechen und einen Ort des Erinnerns zu schaffen sei unbedingt notwendig, denn einige bekannte und bedeutende Gäste des Kreises hätten den geisteswissenschaftlichen Diskurs ihrer Zeit bestimmt.  

 So unterschiedlich die Gäste in Alter und Lebenserfahrung, in Herkunft und beruflichem Werdegang auch waren, gemeinsam war ihnen eine gewisse Grundüberzeugung, die einem dezidiert katholisch-restaurativen Milieu entsprach, das sie publizistisch begleiteten und zum Teil auch mit prägten. Es ist kaum vorstellbar, dass in den Jahren um 1933 und den damit einhergehenden dramatischen politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen intellektuelle Gesprächskreise auf politische Themen ganz verzichtet hätten, der politische Tagesbezug hat aber vermutlich nicht im Vordergrund gestanden. Insofern ist der „Siedlinghauser Kreis“ eine wie immer geartete Widerstandsgruppe sicher nicht gewesen. Auszunehmen bei dieser Bilanz ist allein der Jüngste in der illustren Runde, Josef Pieper, der sowohl innerhalb des Kreises wie auch in seinem gesellschaftlichen und beruflichen Umfeld eine kritische Haltung deutlich erkennen lässt.

 So bleibt der „Siedlinghauser Kreis“ bei allem Anspruch und aller Brillanz ein Phänomen in der westfälischen Provinz, dem allerdings in seiner Einmaligkeit ein Platz in der regionalen Geschichte gebührt.   

  • Die Publikation „Klaus Mickus, Der Siedlinghauser Kreis“ ist bei Books on Demand, Norderstedt, erschienen und zum Preis von 9,90 € über die Versandbuchhandlung Amzon.de zu beziehen.  
  • Eine ausführliche Darstellung der Vorgänge rund um den "Siedlinghauser Kreis" finden Sie im anhängenden Dokument.